(25) Friedrich Schiller »Die Bürgschaft«

oder MP3 kostenlos herunterladen (10,1MB)

Lesung anhören (zum Player)

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
»Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!«
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
»Die Stadt vom Tyrannen befreien!«
»Das sollst du am Kreuze bereuen.«

»Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
»Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.«

Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.«

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen;
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Dem Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
»O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.«

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde ertrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubert Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

»Was wollt ihr?« ruft er, vor Schrecken bleich,
»Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!«
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
»Um des Freundes willen erbarmet euch!«
Und drei mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Knie:
»O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!«

Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
»Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«

»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
Ein Retter, willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht;
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!«

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichter Chor:
»Mich, Henker«, ruft er, »erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!«

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär';
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen,

Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn -
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte!«

Musik: Elisa Demonkí


Diese Lesung wurde am 03.05.07, 22:15:16 veröffentlicht.


Unterstütze den Podcast

Ich würde mich riesig freuen, wenn du den privaten Podcast »Lesung« unterstützen möchtest. :) Du kannst eines meiner zwei Märchen als mp3-Hörbuch online beim Jalara Verlag kaufen, mir über Paypal eine Spende zukommen lassen oder den Podcast »Lesung« bei Flattr »flattern«.
Vielen lieben Dank.
Elisa

Kommentare

  1. Sahela sagt am May 11, 2007 @ 11:23 PM : ich könnte stunden nur der stimme lauschen, ihr folgen durch die welt der gedichte, möchte sie leiden dann lachen hören... ganze romane möchte ich hören ein leben lang. schönheit spricht aus ihr.

    ihr alle findet nicht, was ihr sucht, denn weil ihr sucht, werdet ihr nicht finden. die liebe, die freundschaft nicht, denn sie wachsen nur aus vertrauen. doch schwer zu trauen ist's in dieser welt, voll eile und voll angst. angst nicht gut, nicht schön genug zu sein, fehler zu haben, an weisheit zu fehlen. und doch... wie ein wunder so mancher findet ein seltenes glück, wenn der mut zu vertrauen die angst zerbricht.
    ich hab es gefunden, das große glück der kleinen momenten. nicht leicht der weg nicht zu suchen, nach was man sich sehnt, doch zwang zerstört genauso wie angst.
    ich wünsch euch glück das gegenstück zu finden - doch merket nichts ist perfekt, kein puzzle teil fügt sich nahtlos an das andere...
  2. Elisa @ Saheala sagt am May 12, 2007 @ 01:05 PM : "..wenn der mut zu vertrauen die angst zerbricht"
    "das große glück der kleinen momente"
    was muss ich mehr darauf sagen,
    als mich vor deinen Worten zu verneigen.
    Vielen lieben Dank :)

    Liebe Grüsse
    Elisa
  3. Thomas sagt am Jun 13, 2007 @ 11:40 AM : Schiller scheint sein Syracus eher in eine baden-würtembergische Umgebung gelegt zu haben. Wer je im Land um Syracus/Südsizilien war, weiß dort um das Fehlen von grünen Blätter und sprudelnden Quellen geschweige denn von Gebirgen und gewaltigen Strömen. Daher damals auch Kritik von Goethe, der Sizilien wirklich bereiste. Heute hätte eine derartige schlechte literarische Recherche keine Chance mehr, meine ich, auch wenns natürlich um was ganz anderes geht.
  4. dichterherz sagt am Jul 28, 2008 @ 11:17 AM : @thomas
    seit wann bemisst sich inniglich ergreifende lyrik an iregendwelchen fakten der landschaft ? j.v. goethe war unstrittig ein grosser seiner zeit, schiller nicht minder und mir der tiefgehendere von beiden. goethe hatte einfluß auf hof und geschäftsleben, im grunde hat sich bis heute nichts geändert: ist der name erst fixiert, krittelt sich's reichlich ungeniert ! gruss, ein mit-dichter

Dein Kommentar