(19) Immanuel Kant »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«

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Aufklärung ist
der Ausgang des Menschen
aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Unmündigkeit ist das Unvermögen,
sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit,
wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes,
sondern der Entschließung und des Mutes liegt,
sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Sapere aude!

Habe Mut
dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen,
warum ein so großer Teil der Menschen,
nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen,
dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben;
und warum es Anderen so leicht wird,
sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.

Es ist so bequem, unmündig zu sein.
Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat,
einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat,
einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.,
so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.
Ich habe nicht nötig zu denken,
wenn ich nur bezahlen kann;
andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.

Daß der bei weitem größte Teil der Menschen
(darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit,
außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte:
dafür sorgen schon jene Vormünder,
die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.
Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten,
daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen,
darin sie sie einsperreten, wagen durften,
so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr,
die ihnen drohet, wenn sie es versuchen allein zu gehen.
Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht,
denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen;
allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern
und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer,
sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten.
Er hat sie sogar lieb gewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig,
sich seines eigenen Verstandes zu bedienen,
weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ.

Satzungen und Formeln,
diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs
oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben,
sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit.

Wer sie auch abwürfe,
würde dennoch auch über den schmalesten Graben
einen nur unsicheren Sprung tun,
weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist.

Daher gibt es nur Wenige, denen es gelungen ist,
durch eigene Bearbeitung ihres Geistes
sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln
und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Diese Lesung wurde am 17.12.06, 20:52:34 veröffentlicht.


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Elisa

Kommentare

  1. rakete! sagt am Dec 26, 2006 @ 04:33 PM : sehr gut elisa!
  2. elisa sagt am Jan 2, 2007 @ 03:49 PM : :D rääkät!
  3. lenilein sagt am Jan 8, 2007 @ 04:17 PM : ach elaisa,

    zum glück gibt es ja deine seite und wenn ich dich ganz doll vermisse, dann hör ich mir mal wieder kunst von dir an.
    und freue mich.
    &?hüpf&?

    p.s.: habe schon einen beispieltext von einer jungen dame, dir mir ganz lieb hilft und was schönes schreiben möchte gelesen und war sehr von den socken.
    vielleicht möchtest du den text für meinen film dann später ja auch auf diese seite packen. da würde sich die welt sicher dran freuen.

    grüße aus LE
  4. Bebbo Strassenfeger sagt am Jan 18, 2007 @ 11:51 AM : Liebe Elisa
    Ich möchte dich gerne loben, und dir sagen was ich bei deiner Seite empfinde, nur mir fehlen die Worte, die dem gerecht kämmen.
    Vor einigen Wochen besuchte ich das erste mal deine Seite und dachte: "wie kommt es, dass eine junge Frau sich mit diesen Dingen befasst, jetzt fehlt nur noch Immanuel Kant und ich falle auf die Knie ."
    Na und Heute,was höre und lese ich, den für mich wichtigsten Aufsatz in meinem Leben.
    Kniefall vor dem ganzen schönen Geschlecht auf dem Weg zur Mündigkeit.
    Mehr Menschen wie Du, und der Weg zum ewigen Frieden wäre keine Utopie

    Vielen Dank Bebbo Strassenfeger
  5. Elisa sagt am Jan 18, 2007 @ 12:25 PM : Oh Bebbo,
    ich hab Gänsehaut! ist das ein nettes Lob!!
    Danke dir :)
    Mit Lieben Grüssen Elisa
  6. sagt am Apr 2, 2008 @ 01:01 PM : Gute Wahl!

    Wo aber ist das Ä geblieben? Weshalb wird es durch ein E ersetzt? Wie kann man Aufkleerung statt Aufklärung sagen?
    Das Ä verschwindet im Alltag, doch in der Lyrik, in der Rezitation sollte es sich noch stolz vom gemeinen E absetzen!
    Habe Mut, differenziert zu sprechen!
  7. Friedrich sagt am Aug 13, 2012 @ 12:21 PM : Kant ist großartig, "Sapere Aude" ist eines meiner meistverwendeten Zitate. :-)
  8. siegfried fso for real sagt am Apr 4, 2013 @ 02:57 PM : ach elisa, du blüte im angesicht des windes, geschwind zum staube dahin geweht, du bringst mich mit deiner seite um den verstand und erlaubest mir mit deinem herzen dem alltag zu entfliehen, hinein in die fülle deiner warmen arme.... elisa, ich liebe dich du holde meid!!
  9. Elisa an siegfried fso for real sagt am Jun 1, 2013 @ 05:27 PM : Ich liebe zurück :D

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